Mikroplastik im Bauch

IMG_0183Wenn das Tageslicht verblasst und sich die Dunkelheit über das Meer senkt, steigen aus dessen Tiefe Tausende schlanker, schimmernder Körper auf. Könnten wir sie sehen, wir würden über ihre Pracht staunen. Dunkle Rücken, silbern blinkende Flanken. Purpur-violette Reflexe; Richtungswechsel, zu schnell für das menschliche Auge.

Es ist ein Schauspiel, das nur selten Zuschauer findet, obwohl es  jede Nacht aufgeführt wird. Sogar in unseren heimischen Gewässern: allein in der Nordsee leben eine Million Heringe. Doch selbst wenn wir die Schwärme auf ihrer nächtlichen Futtersuche begleiten könnten, würden wir ihre Beute nicht sehen. Wir sähen lediglich elegante Fische mit weit geöffneten Mäulern, die ab und zu schlucken. Denn Heringe fressen Plankton; winzige im Wasser schwebende Fischlarven, Schnecken und Krebse. Und immer mehr Plastik.

Denn unsere Ozeane sind voller winziger Plastikpartikel. Sie finden sich überall. An der Wasseroberfläche, am Meeresboden, an unberührt wirkenden Stränden. Im Atlantik, Pazifik und selbst im Polarmeer. In der küstennahen Nordsee schwimmen bis zu 150  Partikel in jedem Liter Meereswasser. In der Ostsee sind es dreißig bis vierzig. Im Mittelmeer schätzen Umweltschützer, dass auf zwei Teile Plankton ein Teil Plastik kommt.

Relikte der Müllflut, die wir Menschen den Ozeanen zumuten. Jedes Jahr kippen wir fünf bis zwölf Millionen Tonnen Plastik hinein. Die Wellen schlagen Joghurtbecher,  Mülltüten und Benzinkanister in Stücke, UV Strahlung macht das Material spröde und brüchig. Aber auch wenn es zerfällt, ist es immer noch da. Vielleicht dauert es vierhundert Jahre, bis es abgebaut ist, vielleicht aber auch tausend. Wir wissen es nicht.

Was wir hingegen wissen ist, dass selbst Klärwerke machtlos sind. Denn Mikroplastik wird auch gezielt hergestellt – allein in Deutschland 500 Millionen Tonnen pro Jahr. Sie stecken in Duschgel von Nivea, Seife von Palmolive oder Lippenbalsam von Balea und landen zu großen Teilen im Meer.

Der Hering, der nachts in der Nordsee seinen Hunger stillt, kann die Plastikpartikel nicht von tierischem Plankton unterscheiden. Er schluckt, was vor seinem Maul im Wasser schwimmt – ebenso Kabeljau, Sprotten oder Makrelen. In den Mägen all dieser Nordseefische wurden in den vergangenen Jahren Plastik entdeckt; in jedem einzelnen untersuchten Individuum. Ebenso in allen Muscheln und Würmern, den meisten Seevögeln, vielen Robben und Walen.

Die Tiere reagieren ganz unterschiedlich darauf. Bei einigen führt der Plastikverzehr zu Verletzungen des Verdauungstraktes. Andere hörten auf zu fressen. Manche pflanzen sich weniger eifrig fort. Eine Spzies, die Miesmuschel, transportiert Plastikpartikel aus dem Magen-Darm-Trakt ins Muskelfleisch. Wenn wir Menschen dieses Fleisch verzehren, essen wir auch das darin eingelagerte Plastik. Mitsamt seiner möglicherweise krebserregenden Komponenten und aller giftigen Insektizide, Flammschutzmittel und  Weichmacher, die sich auf diesen Partikeln abgesetzt haben.

Die G7 Staaten haben die Gefahren des Plastiks im Meer bereits als globale Herausforderung bezeichnet, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka als grenzüberschreitendes Problem. Ihr Ministerium hat nun sieben Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit Wissenschaftler die Gefahren für Meere und Menschen erforschen und Gegenmaßnahmen entwickeln können. 51 europäische Institutionen beteiligen sich an dem Programm, darunter das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) oder auch das Alfred-Wegener-Institut.

Noch scheint es unmöglich, das Mikroplastik jemals wieder aus der Umwelt zu entfernen. Doch egal, ob wir dazu forschen, eine Kampagne initiieren, um Mikroplastik in Kosmetik zu verbieten oder ob wir nur still auf dem Deich sitzen und die nächtliche Nordsee staunend betrachten – am besten wäre es, dies mit einer Porzellantasse in der Hand zu tun, und nicht mit einem Becher aus Styropor.

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