1000 Kilometer am Meer (Teil II)

Das britische Wetter ist natürlich durchwachsen. Immer wieder peitscht der Wind Wolken über die Küste, sorgt für häufige Schauer und minütlich wechselndes Licht. Meist ist der Regen vorbei, noch bevor ich in meine Regenkleidung gekommen bin. Die Engländer, die mir begegnen, geben sich aus Prinzip unbeeindruckt von ihm. Einmal treffe ich mitten in einem Wolkenbruch eine junge Frau in einem knielangen Rock und einem flauschigen rosa Pullover. Aus ihren Haaren rinnt Wasser. Auf meine Frage, ob sie sonst keine Kleidung dabei habe, schaut sie mich ratlos an. Nach einer Denkpause antwortet sie schließlich: „Warum? Dieser Pullover hält wirklich warm.“

Was es sonst noch zum Wetter zu sagen gibt, bringt der Wirt des Hartland Quay Hotels für mich auf den Punkt. Am Morgen meines zwölften Wandertags frage ich ihn, was für Wetter es heute wohl gibt. Er schaut zum Himmel und meint: „All kinds of weather – and all within half an hour.“ Und behält recht.

Sein Hotel ist das letzte bewohnte Gebäude im aufgegebenen Ort Hartland Quay, das auf einem winzigen Plateau knapp über dem Wasserspiegel liegt. Dahinter ragen auf einem 30 Kilometer langen Küstenabschnitt 100 Meter hohe Felswände senkrecht aus dem Meer auf. Weil Schiffe weit und breit keinen sicheren Ankerplatz finden wurde in Hartland Quay im 16. Jahrhundert eine künstliche Pier gebaut. Sie hielt 200 Jahre, bevor das Meer sie zermalmt hat. Seitdem ist der Ort verlassen, und nur Wanderer frequentieren heute noch das Hotel und die zugehörige Shipwrecker´s Bar, in der Gemälde und Fotos an die mehr als 200 Schiffe erinnern, die dieser Küste zum Opfer gefallen sind.

Einen halben Tagesmarsch weiter westlich überquert der Coast Path den Grenzfluss von Cornwall. Auf einem Schild steht nicht nur „Cornwall“ sondern auch „Kernow“, der keltische Eigenname des Herzogtums. So richtig als Briten fühlten sich die „Cornishmen“ nie: vielleicht aufgrund ihrer stark ausgeprägten keltischen Traditionen und ihrer eigenen Sprache. Die hat vor allem in den vielen exotisch klingenden Ortsnamen überlebt: „porth“ steht für Hafen, „carrack“ für Felsen und die Vorsilbe „Tre“ für Haus oder Siedlung.

Das mythische Herz des Legenden umwobenen Landes liegt direkt auf dem Küstenwanderweg: Das Dorf Tintagel, das einmal Herrschaftssitz von Uhter Pendragon und seinem Sohn König Artus gewesen sein soll. Der malerische Ort, die Höhle „Merlin´s Cove“ am Strand und die romantische Burgruine über dem Meer ziehen Touristen aus aller Welt an – obwohl hier nichts älter als 800 Jahre ist. König Artus aber hat, wenn überhaupt, sechshundert Jahre früher gelebt.

Der Felsen, auf dem seine Burg gestanden haben soll, gehört heute einem weniger populären Herrscher: Prince Charles, der nicht nur Prinz von Wales ist, sondern auch Herzog von Cornwall. Viele Bewohner der ärmsten Region Großbritanniens kritisieren, dass zu diesem Titel umfangreicher Besitz gehört: Denkmäler, Herrensitze, 540 Quadratkilometer Land sowie bis heute das Recht an allen Schätzen, die jemand hier findet.

 

Praktische Informationen:

Der South West Coast Path ist der längste britische National – Trail. Er wird von der „South West Coast Path“ Association“ gemanagt. Diese Organisation gibt ein jährliches Handbuch mit vielen praktischen Informationen heraus. Darin findet der Wanderer Informationen zu den einzelnen Streckenabschnitten, über eventuell vorhandene Busverbindungen, Fährzeiten, Gezeitentabellen und Adressen von Unterkünften.

Reiseveranstalter wie natours in Deutschland oder Celtic Trails in Großbritannien organisieren auch Wanderungen auf einzelnen Abschnitten des Küstenwanderwegs, zum Teil auch mit Gepäcktransport.

Tagesausflügler können auf vielen Abschnitten auf einer einfacheren und kürzeren Inlandsroute zurück kehren – oder sogar mit dem Bus.

Mehr Informationen
http://www.southwestcoastpath.org.uk/
www.hartlandquayhotel.co.uk/
http://www.natours.de
http://www.celtic-trails.com/celtic/england/

 

 

 

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Juni 28, 2015 · 9:08 am

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